Agile ist tot. Nein ist es nicht! Aber es wird dort zäh, wo gute Absichten auf die harte Realität treffen. Genau da hat mich die Agile Austria Conference 2026 in Graz abgeholt und es war mir ein Volksfest im Rahmen der Konferenz auch selbst einen Beitrag liefern zu dürfen.
Beyond the Buzz: Ein guter Ort für ehrliche Fragen
Unter dem Motto „Agility Beyond the Buzz“ hat die Agile Austria Conference 2026 zwei Tage lang Menschen zusammengebracht, die Agilität nicht als Label, sondern als Haltung verstehen wollen.
Zwischen Keynotes, Praxis-Sessions und vielen Gesprächen im Flugzeughotel in Graz ging es weniger um Frameworks und mehr um die Frage: Wie machen wir Organisationen wirklich handlungsfähig, jenseits von Scrum-Zertifikaten und Kanban Boards?
Ein Gedanke, der sich durch viele Beiträge zog: Agilität war nie das Ziel, sondern immer nur Mittel zum Zweck: Handlungsfähigkeit, Klarheit, Wertschöpfung.
Die agile Geisterfahrt: Wenn wir bei der Methode starten
In meinem Talk „Die agile Geisterfahrt. Wenn gute Absichten auf die harte Realität treffen und wie wir den Kurs korrigieren“ habe ich genau dieses Spannungsfeld aufgegriffen.
Wir kennen es alle:
- Frameworks werden ausgerollt, Rollen umbenannt, Tools aufgesetzt. Dennoch bleibt der Alltag gleich.
- Führung will „agil“, behält aber alte Hierachie-Ebenen, Anreizsysteme und Kontrolllogiken bei.
- Lern- und Reflexionszeit verpuffen, weil wir schlicht und einfach keine Zeit dafür einräumen. Es scheint nicht wichtig zu sein.
Agilität scheitert aus meiner Sicht selten am Modell, sondern daran, dass wir mitten im System an den Methoden drehen, ohne die Rahmenbedingungen mitzudenken.
Genau an diesem Punkt kommt auch das Admonter Veränderungsrad AVERA ins Spiel. Das Admonter Veränderungsrad habe ich bereits in einem früheren Blogbeitrag erwähnt. Es ist ein produkt, dass im Rahmen eines Hackathons der CLC entstanden ist und von uns kontinuierlich zu einem Framewokr weiterentwicklet wurde. Das Framework dient als Hilfestellung für Veränderungsinitiativen und somit auch als praktisches Modell, um agile Transformationen bewusst zu gestalten, statt sie „auf gut Glück“ zu veranstalten.
Welche Fragen müssen wir uns nach AVERA stellen, um eine agile Transformation zu begleiten?
So einfach ist die Frage nicht beantwortet. Dennoch habe ich versucht die sieben Segmente und ihre Abhängigkeiten in Bezug auf agile Transformationen auf der Bühne zu skizzieren:
Start: Intention – Start mit dem „Wozu“
Statt „Wir werden jetzt agil“ braucht es eine klare, greifbare Intention: Welches Problem wollen wir eigentlich lösen – zum Beispiel schnellere Time-to-Market oder robustere Entscheidungen in komplexen Umfeldern?
AVERA hilft, diese Intention als Nutzen-Satz und Entscheidungsregel zu formulieren – für wen, wofür, woran merken wir es und was lassen wir dafür bewusst weg.
1. Story & Narrativ – die erzählbare Veränderungsgeschichte
Eine gute Change-Story übersetzt diese Intention in Bilder, Emotionen und eine Reise, an der Menschen teilhaben wollen.
Auf der AAC habe ich adressiert, dass wir Geschäftsziele in eine Heldenreise übersetzen müssen. Weg von „PowerPoint-Strategie“, hin zu einer Erzählung, die Sorgen ernst nimmt und gleichzeitig Neugier weckt.
2. Organisation & Kultur – der verhaltenswirksame Kontext
Jede Organisation hat ihre „Trampelpfade“: Anreizsysteme, Entscheidungslogiken, Tabus.
AVERA macht sichtbar, wo agile Arbeitsweisen andocken können – und wo Strukturen oder Kultur bewusst angepasst werden müssen, damit Selbstorganisation nicht bestraft wird.
3. Führung & Alltag – wo Veränderung lebt oder stirbt
Führung ist im Rad der „Keilriemen“ zwischen Intention und täglicher Praxis.
In meinem Vortrag habe ich beschrieben, wie Führung sich vom Kontrolleur zum Ermöglicher entwickelt. Führung muss Fokus schaffen, psychologische Sicherheit herstellen, Experimente erlauben und selbst sichtbar Neues ausprobieren.
4. Entdecken & Teilen – individuelles Lernen im Flow of Work
Agile Transformation passiert nicht in Seminarräumen, sondern in echten Problemen, die Teams lösen.
AVERA setzt hier an. Echte Challenges, kurze Lernschleifen, bewusste Gelegenheiten zum Ausprobieren und einfache Routinen, um Learnings sichtbar zu machen: Was haben wir gelernt, was ändern wir, was lassen wir bleiben?
5. Peers & Resonanz – der soziale Verstärker
Ohne Resonanzräume bleibt Lernen privat und damit wirkungslos.
Communities of Practice, Peer-Reviews, Cross-Team-Showcases und Formate wie „Fuckup Nights“ geben neuen Verhaltensweisen soziale Relevanz und machen Mut, dranzubleiben.
6. Methoden & Formate – Orchestrierung statt Ausrollen
Scrum, Kanban, OKR & Co. sind Werkzeuge, nicht die Transformation!
Im AVERA-Rad wählen wir Methoden entlang der Intention, der Kultur und der Lernziele und orchestrieren sie so, dass sie Takt, Transparenz und echte Entscheidungen unterstützen, statt nur neues Theater zu produzieren.
Im Zentrum steht Raum & Zeit. Die Ressource, die alles ermöglicht oder verhindert. Ohne Kapazität für Abstimmung, Reflexion und Experimente bleibt jede agile Initiative ein Papiertiger.
Wie AVERA agile Transformationen konkret unterstützt
Was heißt das nun für Unternehmen, die „Beyond the Buzz“ gehen wollen? Drei Hebel, die ich von der Bühne mitgenommen habe:
Vom Methoden-Start zum Intention-Start
Keine neue Rolle, kein neues Framework ohne klar formuliertes „Wozu“ – inklusive der Entscheidung, was wir bewusst nicht mehr tun.
Business und Learning als Joint Venture
Agile Transformation ist kein reines IT- oder HR-Projekt: Im AVERA-Modell tragen Business (Story, Organisation, Führung) und Corporate Learning (Entdecken, Peers, Methoden) gemeinsam Verantwortung.
Lernen als integraler Bestandteil von Arbeit
Statt „Lernzeit vs. Arbeitszeit“ denken wir Lernen als Teil des Wertschöpfungsprozesses, mit expliziten Zeitfenstern, passenden Räumen und Formaten, die in den Alltag integriert sind.
So wird aus Agilität kein Selbstzweck, sondern ein Gestaltungsmittel für Organisationen, die ihre Handlungsfähigkeit in einer komplexen Welt stärken wollen.
Fazit: AVERA als Navigationshilfe aus der Geisterfahrt
Die Agile Austria Conference 2026 hat für mich wieder deutlich gemacht: Wir brauchen weniger Hype um Agilität und mehr ehrliche Arbeit an Intention, Kontext, Führung und Lernen.
AVERA ist dafür kein „neues Framework“, sondern ein Navigationsrad, das hilft, agile Transformationen bewusst zu planen, umzusetzen und immer wieder nachzujustieren, damit wir von der agilen Geisterfahrt in einen nachhaltigen Veränderungs-Flow kommen.
Dieser Beitrag basiert auf meinem Talk „Die agile Geisterfahrt“ und dem Admonter Veränderungsrad der Corporate Learning Community Austria (#CLCA), das als Open-Source-Modell unter CC BY-SA 4.0 zur Verfügung steht. Bei Interesse zu dem kostenlosen Whitepaper des Frameworks meldet euch bitte bei mir.



